Amateurfunk und CTCSS – macht das wirklich Sinn?

Denkzettel
oder

Amateurfunk und CTCSS – macht das wirklich Sinn?

Derzeit wird dieses Thema in Bezug auf die analogen Amateurfunkumsetzer
heiß diskutiert, offensichtlich dahingehend, das von einigen wenigen
Funkamateuren der Amateurfunk genauso zwangsdigitalisiert werden soll wie es
uns schon in vielen anderen Bereichen (TV, Telefon, usw) außerhalb des
Amateurfunks aufgezwungen wurde. Das es in der digitalen Übertragung von
Informationen schnell mal zu Problemen kommen kann, hat ja vermutlich jeder
schon mal mitbekommen. Einige Beispiele dafür sind die Bild- und
Tonaussetzer bei DVB-T und DVB-S oder die teilweise lebensgefährlichen
Aussetzer im digitalen BOS-Funk bei einigen Feuerwehreinsätzen.
Der Amateurfunk bietet ein großes Experimentierfeld, zumal er ja als
„experimenteller Funkdienst“ sogar gesetzlich verankert ist. Bisher gab es ein
gut koordiniertes Nebeneinander analoger und digitaler Betriebsarten in den
Bändern. Aus dem Nebeneinander soll aber nun ein Miteinander (oder besser
ausgedrückt: Gegeneinander) werden, d.h. es sollen Frequenzen sowohl analog
wie auch digital genutzt werden, das kann nicht gut gehen, wie man schon
leidvoll mit der Doppelnutzung der 2m-Relaisfrequenzen feststellen kann. Die
Analognutzer fühlen sich von dem Rauschen der Digitalnutzer gestört, und die
Digitalnutzer haben Verbindungsprobleme durch die analoge Verwendung. Im
70cm-Band ist bisher eine praxisgerechte Einteilung in analoge Fonie-Relais
und Multi-Mode-Relais sowie die rein digitale Nutzung angewendet worden.
Bedauerlicherweise soll diese sinnvolle Teilung verwässert werden und durch
die Zwangsbeglückung mit CTCSS bzw Digital-Voice auf internationales
Betreiben (IARU-R1-Konferenzen) einiger weniger Funkamateure die Offenheit
des Amateurfunks gefährden.
Denn der Amateurfunk dient der Verständigung und das sollte auch weiterhin
möglich sein. Jeder analoge Sprachumsetzer ist normalerweise im Amateurfunk
auf die gleiche Weise zu nutzen: 1750-Hz-Signal senden, kurz die
Relaiskennung abwarten und dann ganz normal senden. Den 1750-Hz-Ton kann
man mit etwas Übung sogar durch Pfeifen erzielen. Es sind also nur geringe
Anforderungen an die Technik zu stellen. Durch die Einführung von CTCSS ist
diese Einfachheit nicht mehr gegeben, und die Benutzung des Umsetzers ist mit
einfachen oder älteren Funkgeräten nicht mehr möglich! Ohne Kenntnis der
passenden Tonfrequenz wird man von der Nutzung ausgesperrt. Selbst wenn
man über ein CTCSS-fähiges Gerät verfügt und vielleicht auch noch die
CTCSS-Frequenzen für die in der Nähe liegenden Repeater im Kopf hat, so wird
es doch problematisch, wenn man als Mobilist während der Fahrt oder portabel
am Urlaubsort erst auf jeder Relaisfrequenz die 38 unterschiedlichen CTCSSTöne
einstellen und ausprobieren muß.
Denkzettel zum Thema CTCSS im Amateurfunk Seite 2/4
Die Idee, das das eigene Signal nur über einen einzigen CTCSS-verriegelten
Umsetzer auf die Ausgabe umgesetzt wird, mag ja gut sein, ist aber
praxisuntauglich, da die anderen CTCSS-codierten Umsetzer, die das Signal auf
der Eingabefrequenz ebenfalls empfangen, blockiert werden, der dortige Nutzer
aber nicht erkennen kann, warum das so ist. Dieses Problem würde insbesondere
bei UKW-DX-Bedingungen auftreten. Ohne CTCSS sind solche
Ausbreitungsbedingungen dagegen schnell erkennbar.
Normalerweise stehen alle Amateurfunkumsetzer allen Funkamateuren zur
Nutzung offen, das ist international üblich. Einschränkungen sind nur in den
Beschränkungen einzelner Lizenzklassen auf bestimmte Frequenzbereiche
begründet.
CTCSS würde diesen Gleichheitsgrundsatz gefährden.
Ein weiteres Argument gegen CTCSS ergibt sich ganz schnell, wenn man an das
Thema Notfunk und Krisenkommunikation denkt: Es muß schnell und einfach
nutzbar sein! Auch wenn in Deutschland (und Europa) die Wahrscheinlichkeit
eines Krisenfalles eher als gering einzustufen ist, so sind es doch gerade wir
Funkamateure, die am ehesten in der Lage sind, eine autarke Kommunikation zu
realisieren. Da sind solche Dinge wie CTCSS hinderlich und kontraproduktiv.
Und das Argument, die CTCSS-Verriegelung des Relais lasse sich in so einem
Notfall vom Sysop ja bei Bedarf abschalten, ist fadenscheinig, da dies eine
unnötige Verzögerung darstellt. Nicht jeder Relaisverantwortliche kann sofort
diesen Schritt einleiten. Ist derjenige dann überhaupt unverzüglich erreichbar,
wenn die normalen Kommunikationsnetze ausfallen???
Es könnte jederzeit um ein Menschenleben gehen.
Wikipedia weist in seinem englischsprachigen Artikel ausdrücklich auf die
Probleme mit CTCSS in Zusammenhang mit Interferenzen hin.
CTCSS hat daher m.E. auf einer normalen Relais-Eingabefrequenz nichts zu
suchen.
CTCSS mag zwar eine nette Alternative zum 1750-Hz-Ton darstellen, wird ihn
aber nie ersetzen können. Daher sollte der 1750-Hz-Ton als StandardÖffnungsmethode
beibehalten werden, andere Varianten wie CTCSS, DTMFTon
oder auch rein Träger gesteuert sollten und können nur als zusätzliche
Option dienen.
CTCSS verhindert keine Störungen, CTCSS ist eine Störung, zumindest auf
Relais(eingabe)frequenzen. Vielleicht nicht im technischen Sinne, aber
zumindest im Hinblick auf den offenen Charakter des Amateurfunks. CTCSS,
teilweise auch PL (Private Line) genannt ist gemäß Wikipedia ein
Selektionsmittel, also eine Ausgrenzung. Und die widerspricht dem „CQ“, also
an Alle. Amateurfunk grenzt nicht aus, sondern Amateurfunk verbindet.
Und die ursprüngliche Idee, mittels CTCSS für ein friedliches Miteinander von
analogen und digitalen Repeatern sorgen zu können, ist absurd, wenn
benachbarte Relais auf der gleichen Frequenz arbeiten und letztendlich somit
dem Gedanken und Sinn des Amateurfunks vollkommen abträglich.
Denkzettel zum Thema CTCSS im Amateurfunk Seite 3/4
Und wer die Digitalisierung des Amateurfunks will, der wird spätestens mit
Abschaltung der letzten Analogtechnik erkennen, das Digital nur zwei Zustände
kennt: 1 und 0 oder anders ausgedrückt: „GEHT“ und „GEHT NICHT“.
In der analogen Welt erkennt man schon am Rauschanteil einer
Funkverbindung, ob die Verbindung gut ist oder vielleicht nur ein paar cm oder
Meter bedarf und sie qualitätsmäßig zu verbessern. Digital ist zwar das
Nutzsignal rauschfrei, aber im Problemfall ist der Datenstrom fehlerhaft und es
erreicht gar keine Information den Lautsprecher. Kein digitaler Soundprozessor
arbeitet so gut wie das menschliche Gehör, und das „arbeitet“ halt analog. Ein
Funkergehör ist eben durch nichts zu ersetzen.
Damit will ich zwar nicht alles Digitale schlecht reden, aber, und das wird
sicherlich kaum jemand bestreiten, hat die analoge Welt viel mehr zu bieten als
es sich durch 2 hoch Irgendwas kleine Abstufungen exakt abbilden lässt. Jede
digitale Verarbeitung bedeutet auch zwangsweise eine Verzögerung.
Machen wir uns doch nichts vor, ob die Digitalisierung des Amateurfunks, wie
sie von einigen wenigen Funkamateuren gefördert und gefordert wird, wirklich
ein Fortschritt sein kann, wird sich in der Zukunft zeigen.
Wie schon weiter oben erwähnt, kennt Digital nur zwei Zustände, Analog aber
jeden beliebigen Zwischenwert.
Man mag mit der Welt, in der man lebt, mit Vielem einverstanden sein, man
kann auch mit Kompromissen leben. Die Mitgliedschaft in einem Verband ist da
schon eher was Digitales: Betrachte ich mich in meiner Meinung gut vertreten
oder betrachte ich das Verhalten des Vorstandes als kontraproduktiv für die
Mitglieder bzw das, was der Verband eigentlich vertritt. Es wird sich zeigen,
wie viel Digitalisierung (und CTCSS) der Amateurfunk mit seinen
Interessenverbänden verträgt. Wie die Erfahrung mit dem Umstieg auf digitale
Sprechfunkübertragungsverfahren gezeigt hat, ist in schwierigen Situationen
eher mit einem „GEHT-NICHT“ zu rechnen.
Kann sich irgendein Verband so was wirklich leisten?
Wenn ich mein Hobby, zu dem auch die Nutzung von analogen UKWSprechfunkumsetzern
gehört, nicht mehr ungestört und uneingeschränkt
nachgehen kann, dann erkenne ich auch keinen Sinn, das Hobby überhaupt noch
fortzuführen.
Und: Brauche ich dann noch einen Interessenverband, der meine Interessen
nicht vertritt?
Mein Fazit: CTCSS und die Vergabe der gleichen Frequenzen an digitale und
analoge Sprachrepeater ist eindeutig: Geht absolut nicht!
Viel Erfolg beim Nachdenken über das eben Gelesene wünscht
DF1LNF
Denkzettel zum Thema CTCSS im Amateurfunk Seite 4/4
Der vorstehende Text entstand ursprünglich als Antwort auf die Befragung aller
Relais-Verantwortlichen durch DL1ESK zum Thema CTCSS.
In dem obigen Text habe ich meine persönlichen Gedanken und meine
persönliche Meinung (nach Art. 5 GG) zu Papier gebracht, also einen
Denkzettel erstellt.
Mit diesem Denkzettel ermögliche ich es, das jeder, den es interessiert, sich ein
Bild über meine Meinung machen und seine eigene Meinung dazu bilden kann.
Dieses Dokument darf ungekürzt beliebig weitergegeben, weitergeleitet und in
beliebigen Medien veröffentlicht werden. Sofern es in andere Sprachen übersetzt
wird, ist der deutschsprachigevollständig Originaltext mitzuliefern.
(Stand: 2013-06-05)
Quellen:
Wikipedia:
https://en.wikipedia.org/wiki/Continuous_Tone-Coded_Squelch_System
[It is a bad idea to use any coded squelch system to hide interference issues in systems with
life-safety or public-safety uses such as police, fire, search and rescue or ambulance company
dispatching. Adding tone or digital squelch to a radio system doesn’t solve interference
issues, it just covers them up. The presence of interfering signals should be corrected
rather than masked. Interfering signals masked by tone squelch will produce apparently
random missed messages. The intermittent nature of interfering signals will make the problem
difficult to reproduce and troubleshoot. Users will not understand why they cannot hear a
call, and will lose confidence in their radio system. In a worst case scenario in a life safety
environment a missed message, or a misunderstood message, may result in casualties.]

Denkzettel_CTCSS___2013-06-05

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Ein Kommentar zu Amateurfunk und CTCSS – macht das wirklich Sinn?

  1. Dieter Emmerich sagt:

    Hallo zusammen, ich habe nach mehr als 25 jahren wieder mein damaliges 2m Funkgerät rausgekram und wollte über DB0WA arbeiten und konnte das Relais hören aber nicht darüber senden. Ich war sehr verwunder, da ich mit 10 Watt Ausgangsleistung eigentlich kein Probleme erwartete. Nun ja, als von dem CTCSS auf der Homepage lass, wusste ich nicht einmal was das ist. Nun mit einigen Wochen abstand und viel lesen, ist mir einiges klarer. Aber mein alte RIG ist für diese Tonart nicht ausgelegt. Bis jetzt kann ich noch nicht über CTCSS Relais arbeiten, schade.
    73
    Dieter

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